5 Fragen an eine 90-jährige Buddhistin

Ursula Lyon ist 90 Jahre alt, Buddhistin, Yoga- und Meditationslehrerin. Am liebsten hält sie Schweigeseminare, wie beispielsweise im Buddhistischen Zentrum in Scheibbs, bei denen sie Achtsamkeit lehrt. Dazu habe ich kürzlich einen Artikel geschrieben.

Ursula kommt ursprünglich aus Köln, lebte lange Zeit in Brasilien und seit über drei Jahrzehnten nun in Österreich. Als Physiotherapeutin war ihr der körperliche Zugang gut bekannt und schließlich beschäftigte sie sich zunehmend mit dem Geist. Sie wurde Schülerin bekannter Lehrer und Lehrerinnen, bevor sie selbst Lehrende wurde. Das von ihr geprägte „Sampada Yoga“, was so viel wie „umfassender Weg“ bedeutet, verbindet Meditation, Yoga und die buddhistische Lehre.

Ursula Lyon Fotocredit: Angelika Maier

Es gibt diesen bekannten Spruch von Buddha, der lautet „Es gibt keinen Weg zum Glück, glücklich sein ist der Weg“. Was bedeutet das genau? 

Zum Glücklich sein gehört, im Hier und Jetzt zu leben. Das man das „Hier“, den Körper fühlt und das Wahrnehmen vom Jetzt. Dass man da ist in diesem Augenblick. Wenn man sich selbst lebendig fühlt, ist man glücklich.

Viele Menschen haben Angst ständig etwas zu verpassen, was man auch „Fear of Missing out (FOMO)“ nennt. Da geht es um den Stress so vieles machen und erleben zu wollen. Hast du einen Tipp, wie man damit umgehen kann?

Ja, dass man ganz klar Prioritäten setzen muss. Das man sich fragt „Was ist mir nun wirklich wichtig und wertvoll? Was stell ich mir denn vor in 5 Jahren, wo ich denn hin möchte?“. Da merkt man dann schon, dass man nicht alles machen kann. Das geht ja gar nicht. Da musst du schon auswählen, dass du etwas Wert gibst, den Weg dahin auch bahnst, was du in den nächsten Jahren sein möchtest. So auch die Frage

Was will ich denn vom Leben wirklich?

Will ich mich nur ganz viel vergnügen nach allen Seiten hin, ist das das größte Glück? Oder kann ich mich innerlich wertvoll und wohl fühlen?  Kann ich etwas tun, was für mich und die Welt ein Glück sein kann, ein Wert sein kann?

Buddhistisches Zentrum in Scheibbs

Nach der Achtsamkeitslehre geht es darum im Hier und Jetzt zu leben, du sagst, es ist aber auch wichtig für die Zukunft zu planen. Wie passt das zusammen?

Ich plane auch im Jetzt für die Zukunft. Das ist etwas anderes als nur in der Zukunft  zu hängen und zu grübeln. Planen jetzt und dann durchführen, Schritt für Schritt, so dass das was ich plane auch Wirklichkeit wird. Das muss ich JETZT machen. Das kann ich nicht in der Illusion der Zukunft machen. Das heißt, zurückkommen zum Jetzt.

Was kann man tun, um im Alltag mehr Glück und Freude zu empfinden? Wir haben alle viele Aufgaben und Pflichten und kommen leicht in den Alltagsstrudel. Was können wir tun?

Zunächst kann man versuchen, die Achtsamkeit bei gewissen Dingen im Alltag einzubauen. Zum Beispiel beim Essen oder morgens beim Aufstehen, beim Duschen oder Zähneputzen. Man kann Dinge tun, wo man achtsam dabei ist. Das belebt das Gefühl von Achtsamkeit wieder und dann kann man ganz bewusst kleine Meditationen machen. Die 3-Minuten Meditation ist etwas ganz Wichtiges. Es geht darum Pausen zu machen, so dass man lernt seinen Geist umzuschalten auf etwas anderes. Weg von dem Vielen, hin zum Hier und Jetzt  und zum Atem. Das ist unglaublich gut. Es geht um das zu sich kommen, sich auf etwas einlassen, sich konzentrieren und sich mit etwas anderem verbinden. Das sollte

man tagsüber immer wieder mal machen, dann fällt man gar nicht so tief und entfernt sich nicht von sich selbst. Es geht darum dieses Niveau von Achtsamkeit zu sich selbst wieder zu finden. Das hilft wirklich! Ich arbeite mit einem jungen Mann, der sich aus dem Burnout herausgerappelt hat, der macht das jede Stunde. Das würde ich unbedingt empfehlen.

Du bist 90 Jahre alt und so fit und beweglich. Worauf führst du das zurück?

Einmal, dass ich wirklich all die Dinge auch selbst praktiziere, die ich lehre. Ich habe jahrelang Yoga gemacht. Das muss nicht viel sein, ich mache heute eine Viertelstunde lang Übungen, gleich morgens nach dem Aufstehen. Dann mache ich immer wieder mal die 3 Minuten Meditation. Manchmal meditiere ich natürlich auch länger. Ich gehe auch gerne hinaus in die Natur, mache Spaziergänge. Gut, dass macht jeder. Und dann …. ist da wohl noch etwas. .. dass ich nicht immer nur das betrachte, was ich nicht möchte und kann. Zum Beispiel, kann ich nicht mehr so gut hören und ich schiele auch auf einem Auge, was ich früher nicht hatte. Das sind Gebrechen. Ich hatte auch Arthrose und eine Hüft-OP. Ich könnte klagen. Ich sehe aber das, was ich noch kann.

Ich sehe die Fähigkeiten, die ich jetzt noch habe! Diese Fähigkeiten pflege ich auch.

Ich mag gerne Gedichte, daher schreibe ich. Ich lerne auch noch Gedichte auswendig. Auch wenn ich sie 10mal wieder lesen muss bis ich sie kann, das macht mir gar nichts. Ich trainiere noch meinen Geist aber in einer frohen Weise und an all dem, was ich noch kann, erfreue ich mich. Freude ist etwas ganz Wichtiges. Sich an dem zu freuen, was im Alter noch möglich ist und nicht an dem leiden, was nicht mehr möglich ist. Das zieht runter. Das ist der Unterschied zwischen denen die jammern im Alter und denen, die noch etwas Gutes finden.

Mehr über Ursula Lyon hier

Was ist deine Meinung?

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind mit * markiert

Absenden *