Auf dem Diamantweg

Sandra beschäftigt sich seit mehr als 10 Jahren mit dem Buddhismus und meditiert regelmäßig. Zu Studienzeiten unternahm sie mehrere Reisen nach Südostasien. Fasziniert von den orangenen Roben der Mönche kam sie im Zuge eines Mönch-Chats im Norden Thailands erstmals ins Gespräch. Zuerst in Wien und dann in Brüssel verfolgte sie den Weg weiter. In Brüssel wohnte sie sogar mehrere Jahre in einem buddhistischen Zentrum und engagierte sich dort. Wir treffen uns am Yppenplatz in Wien zum Plaudern.

Wie bist du zu deiner Meditationspraxis gekommen?

Sandra am Yppenplatz, Wien

Sandra: Nach meiner damaligen Thailandreise hatte ich das Bedürfnis mehr über den Buddhismus zu erfahren. Dann besuchte ich eine Meditationsschweigewoche (Vipassana) in der Schweiz, die sehr entspannend und inspirierend war aber schon nach ein paar Stunden in Zürich war meine ruhige Stimmung wieder weg. Mir war klar, dass ich etwas brauchte, dass mich wirklich im Alltag begleitet. In Brüssel lernte ich dann eine Form des tibetischen Buddhismus, den Diamantweg, kennen.

Erzähle bitte mehr über den Diamantweg!

Sandra: Alle Wege basieren auf der Lehre Buddhas, allerdings hat Buddha viele verschiedene Belehrungen gegeben. Das besondere bei uns ist, dass unser Lehrer aus Dänemark kommt. Er versucht den tibetischen Buddhismus für den Westen zugänglich und verständlich zu machen. Das heißt zum Beispiel, dass es keine ausführlichen Liturgien auf Tibetisch gibt. Da wir im Westen oft keine Zeit haben stundenlang zu meditieren, sind die Meditationen, die wir praktizieren, eher kurz und prägnant. Ein Hauptmerkmal ist auch, dass wir „im Leben stehen“ und nicht zurückgezogen im Kloster leben, sondern ein „normales“ Leben führen und die buddhistische Lehre anwenden. Das tägliche Leben bietet so viele Möglichkeiten Buddhas Lehre anzuwenden. Du hast deinen Chef, deinen Nachbarn, deine Eltern. 🙂 Das ist für mich persönlich viel effektiver als im Kloster zu leben. Das tägliche Leben ist die wahre Herausforderung.

Der Diamantweg hat mich angesprochen, weil ich nichts aufgeben musste, sondern im Gegenteil etwas dazu bekommen habe.

Aber wie schon erwähnt gibt es viele verschiedene Richtungen im Buddhismus und so kann sich jeder den Weg aussuchen der am Besten passt. Im Vergleich zur Schule des Dalai Lama, zum Beispiel, sind wir mehr darauf fokussiert zu meditieren als buddhistische Philosophie zu lernen und diskutieren.

Buddha Abbildung

  • Die erste Säule ist die Lehre, die Philosophie, zu wissen worum es im Buddhismus überhaupt geht.
  • Der zweite Teil ist die Meditation: das was wir studiert und gelernt haben, wollen wir auch anwenden und „ins Leben zu bringen“, also „vom Kopf ins Herz“.
  • Der dritte Aspekt ist die Anwendung im Leben, der praktische Nutzen.

 

Ich persönlich beschäftige mich weniger mit der buddhistischen Philosophie bzw. der Lehre und lieber mehr mit der Praxis. Ich stelle mir da die Frage „macht es mich glücklich?“ Meiner Meinung nach wissen wir in unserer Gesellschaft schon sehr viel und können uns die Infos schnell holen. Beim Meditieren geht es eigentlich darum weniger zu tun, im Moment zu sein.

Welche der Belehrungen nimmst du dir für dich mit und bringst sie in dein tägliches Leben?

Sandra: Seit meinem letzten Retreat beschäftige ich mich verstärkt damit, dass es nicht darum geht alles zum eigenen Nutzen zu tun, sondern auch für andere, also zum Besten aller. Wir können aber nur bei uns anfangen. Andere können wir sowieso nicht ändern, auch wenn wir das oft glauben 😉 Aber wenn es mir selbst besser geht, kann ich auch anderen besser helfen. Und am Ende einer Meditationseinheit widmen wir uns immer dem Wohlbefinden aller, damit auch die Umgebung glücklicher wird. Das hilft auch die eigenen Probleme nicht mehr ganz so tragisch zu sehen. Auf die sich ständig ändernden Gefühle muss ich nicht so viel geben. Es gibt da noch mehr dahinter, auf das wir oft nicht schauen. Deshalb engagiere ich mich auch gerne in unseren Zentren. Wir haben weltweit ca. 700 Zentren, machen aber keine Werbung dafür.  Wenn Leute kommen wollen dann kommen sie ohnehin. Viele sind interessiert und suchen nach einem Angebot.

Wie sieht deine Meditationspraxis aus?

Sandra: Beim Meditieren ist die Praxis ganz wichtig, so als würde man

Buddha Statuen

ein Musikinstrument lernen oder einen neuen Sport ausüben. Es geht wirklich ums tägliche Üben und eine Gewohnheit daraus zu machen. Es ist besser jeden Tag 20min zu meditieren als am Sonntag 3 Stunden. Beim Meditieren geht es um das Hier und Jetzt. Da merken wir schnell, dass wir meistens ganz woanders sind und das ruhige Sitzen und im Geist ruhig zu werden gar nicht so einfach sind. Wir springen da gerne nach vorne oder nach hinten.

Der Moment ist das einzige was wir haben, weil die Zukunft noch nicht da ist und die Vergangenheit vorbei ist. Dann bleibt nur der jetzige Augenblick und den erleben wir meist nicht bewusst.

In der Meditation, die wir praktizieren, konzentrieren wir uns auf verschiedene Buddha-Formen, auf Licht und Energieformen, die den Geist beschäftigt halten sollen. Wir versuchen uns auf ein Objekt zu konzentrieren und dort zu bleiben. Meistens können wir den Fokus gerade am Anfang nur kurz dort halten und schweifen ab. Da ist es schon ein Schritt weiter, wenn wir merken, dass wir abschweifen und kommen gezielt wieder zurück.

Die Idee ist, dass wir – je mehr wir im Moment sind – immer mehr Distanz bekommen in Bezug auf die Dinge und Gefühle, die im Leben passieren. Es ist aber nicht so, wie viele glauben, dass man im Buddhismus keine Emotionen haben darf.

Wir versuchen aber uns nicht ganz darauf einzulassen und uns nicht in die Achterbahnfahrt der Gefühle hineinziehen zu lassen. Mit dem Abstand sieht man gut, dass Emotionen kommen und gehen. Wenn ich z.B. zornig bin, vergeht das Gefühl oft wieder sehr schnell und es ist besser dem Gefühl und einem Impuls nicht sofort nachzugehen. Ansonsten tun wir vielleicht Dinge oder sagen etwas, das wir nachher bereuen. Dann muss man sich entschuldigen, die Scherben wieder aufheben etc. Wenn es möglich ist diesen Zorn kommen zu sehen bzw. zu spüren und dann einmal nicht so zu reagieren, wie man das sonst immer tut, kann man aus der Negativspirale aussteigen. Ich bin nicht meine Gedanken und Gefühle, sondern etwas, das dahinter ist. Und genau das sehen wir eigentlich nie, weil wir uns immer mit den Bildern vor uns beschäftigen. Im Buddhismus wird das oft mit einem Spiegel verglichen. Wir sehen immer nur die wechselnden Bilder aber nie den Spiegel dahinter.

Sandra

Merkst du bei dir selbst Effekte durch die Meditationspraxis?

Sandra: Ich merke das nicht so unmittelbar aber ich komme immer wieder in Situationen, wo ich mich frage, ob ich früher nicht anders gehandelt hätte, vielleicht schneller beleidigt gewesen wäre und Dinge persönlicher genommen hätte. Buddhismus heißt nicht, auch die andere Wange hinzuhalten d.h. man lässt sich nicht alles gefallen, sondern schreitet ein, wenn es die Situation erfordert. Wir haben uns über die Jahre ganz fixe Konzepte und Verhaltensmuster aufgebaut, wie die Dinge sind. Dadurch reagieren wir immer gleich und bekommen auch die gleichen Resultate. Wenn wir unser Leben verbessern wollen, müssen wir den Input ändern, weil sonst nie etwas Anderes herauskommen wird. Im täglichen Strudel ist das aber gar nicht so leicht und da hilft die Meditation sich herauszunehmen.

Unser Lehrer sagt immer, lebe wie in einem Hotel. Du kannst alles genießen und nutzen aber sei dir bewusst, dass du nichts davon mitnehmen kannst. Das hilft dabei nicht an Dingen anzuhaften.

Wie können wir uns diese Retreats – wo es um das Zurückziehen geht – vorstellen?

Sandra: Die traditionellen buddhistischen Retreats dauern 3 Jahre + 3 Monate + 3 Wochen + 3 Tage. Das ist in einem modernen Leben meist nicht realisierbar und wiederum nicht so gut mit unserem Ansatz vereinbar, dass wir für andere Wesen nützlich sein wollen. Unser Lama empfiehlt sich für ein paar Tage zurückzuziehen, um sich die Zeit zu nehmen an gewissen Themen intensiver zu arbeiten und tiefer in der Praxis zu gehen. Ich habe jetzt mal 7 Tage keine Kommunikation mit anderen gehabt, um wirklich abzuschalten. Ohne die äußeren Einflüsse, merke ich sehr schnell was eigentlich gerade bei mir los ist. Ich kann mir darüber bewusstwerden und kann mich darum kümmern. Dann komme ich gestärkt heraus und kann das, was ich erfahren und gelernt habe, wieder besser im Alltag anwenden. Auch da geht’s darum, auch im täglichen Leben diese Sicht zu halten, für andere nützlich zu sein. Buddha hat gelehrt, dass jeder die Buddha-Natur hat und damit das Potential hat ein Buddha zu werden. Meist sehen wir das aber weder in uns noch in den anderen. Es fällt uns auch oft nicht leicht, den Buddha in unserem Chef oder unserem Nachbarn zu sehen.

Wenn du von so einem Retreat zurückkommst, ändert sich da etwas oder taucht man dann schnell wieder in den Alltag ein?

Sandra: Das habe ich mich lustigerweise auch am Weg hierher gefragt. Ich glaube, ich bin mir in einigen Dingen wieder bewusster. Gleich in der Früh versuche ich mir gewahr zu sein, was mein erster Gedanke ist und stimme mich darauf ein zu denken: „Mögen alle Wesen glücklich sein“. Das gibt meinem Tag gleich eine positive, überpersönliche Note und es hilft auch ab und zu wieder bewusster z.B. die Zähne zu putzen oder unter der Dusche zu stehen und vielleicht beim Frühstück zu denken „Mögen alle Menschen so ein gutes Frühstück haben“. Es geht um das Gefühl der Großzügigkeit und Dankbarkeit und das auch weiter zu geben.

Am Yppenplatz

Was bedeutet für dich Glück? Du hast erwähnt, dass du dir die Frage stellst „Macht mich das wirklich glücklich?“

Sandra: Wahres Glück heißt für mich, glücklich zu sein – unabhängig von äußeren Bedingungen. Egal, ob die Sonne scheint oder nicht. Das wahre Glück sollte eigentlich immer da sein.

Hast du das Gefühl, dass dir das gelingt?

Sandra: Manchmal. 🙂 Ich arbeite daran. Einmal mehr, einmal weniger. Ich versuche, mir dessen immer mehr bewusst zu sein. Wir üben das auf den Retreats. Dort bist du von äußeren Einflüssen abgeschirmt und mit dir allein. Da ist es oft leicht, glücklich zu sein. Wenn man dann aber wieder zurück kommt in die Welt mit all ihren Einflüssen und sich dann gut fühlt, ganz egal was sich draußen abspielt, das ist wahres Glück.

>> Fotocredit : Buddhistische Diamantweg Zentrum; Sandra Steinhauer und Angelika Maier

>> Weitere Infos über den Diamantweg in Wien hier

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