Glück ist die Fähigkeit zu lieben – auch sich selbst!

Kathi und ihr Freund Martin leben seit zwei Jahren in Ubud, Bali. Ursprünglich ist Kathi für ihr Doktorat in der Kultur- und Sozialanthropologie nach Sumatra, Indonesien gegangen. Nach langfristigen Erwägungen hat sie sich für einen Weg abseits der Wissenschaft entschieden. In Ubud fand sie einen Ort zum Verweilen. Martin kam etwas später nach. Gemeinsam haben sie sich eine eigene Firma aufgebaut. Sie vertreiben erfolgreich ein natürliches Deodorant in Amerika und setzen Projekte im Bereich Business Development um.

Kathi und Martin

Fotocredit: Nynke van Wyk

Wie ging es dir bei deiner Dissertation?

Kathi: Ich war schon seit langem etwas gespalten hinsichtlich meiner Dissertation. Einerseits sah ich darin den einzig wirklich befriedigenden Weg für meine berufliche Karriere. Andererseits zweifelte ich an fast allem, was mit Wissenschaft und dem akademischen Umfeld im Zusammenhang stand. So habe ich alles auseinandergenommen und bin zur Einsicht gelangt, dass das wissenschaftliche Weltbild zu viel Relevantes außen vorlässt.

Bei meiner ersten Feldforschung 2012 für mein Doktorat beispielsweise habe ich unglaublich viel gelernt, erfahren und erkannt. Und davon war das Wenigste im streng wissenschaftlichen Sinne verwertbar. Mein analytischer Verstand ist dabei zunehmend an seine Grenzen gestoßen und ich habe begonnen andere Bereiche eingehender zu betrachten – darunter auch, was mir wirklich wichtig ist.

Wie hat es euch nach Ubud verschlagen?

Kathi: Ich habe in Wien als Lehrerin gearbeitet und mich trotz einiger Zweifel entschieden, nach Indonesien zu gehen. Das alleine Reisen war für mich nicht einfach. Es war ein großer Lebenswandel, weil ich mich innen verändert habe und die externen Umstände auch ihr Übriges getan haben. Ich stellte schnell fest, dass ich mir ein stabiles Umfeld wünschte um mich völlig der inneren und äußeren Veränderungen in meinem Leben zu widmen. Ubud war der erste Ort, wo ich mich entspannt fühlte und es war klar, dass ich mal bleiben wollte. In erster Linie um Klarheit zu finden, wie meine Reise weitergehen würde. Ich wollte nicht zurück nach Österreich. Ich war mitten in einem Loslösungsprozess von meiner Dissertation, damit blieb immer mehr Raum für die Frage, was ich stattdessen mit meinem Leben tun könnte.

Martin: Zu dem Zeitpunkt als Kathi in Ubud ankam, war ich auch bereit für eine Veränderung. In England, wo ich zu der Zeit gelebt hatte, war es gut und nett aber ich sehnte mich nach etwas Neuem. Ich hatte schon meine Firma registriert und einige Projekte abgeschlossen, aber es hat dort nicht mehr richtig gepasst. Natürlich habe ich nicht gewusst, was hier auf mich zukommt.

Was waren die Herausforderungen auf eurem Weg ein neues Leben in Bali aufzubauen?

Kathi: Eines der wichtigsten Dinge in Veränderungsprozessen ist, die eine Entscheidung zu treffen und die dann durchzuziehen und dann das Dranbleiben. Veränderung braucht auch einfach Zeit. Ich hatte Angst, meine sozialen Verbindungen und den Rückhalt in Wien zu verlieren. In meinem Umfeld habe ich mich damals schon sehr wohl gefühlt.

Dann kam die Frage, wovon ich hier leben kann und wir wie ich es finanziell schaffe. Zuerst haben wir es verdrängt bis wir dann nur noch 500 EUR am Konto hatten. Am Anfang wollten Martin und ich auch nur ein halbes Jahr bleiben und dann vielleicht nach Berlin gehen. Als es soweit war, gab es keinen Grund für uns Bali zu verlassen. Wir hatten uns gut eingelebt und in die Stadt verliebt. Da mussten wir dann schnell kreativ sein. Als uns das Geld langsam ausgegangen ist, legten wir uns ins Zeug um hier bleiben zu können. Man muss sich ganz anders auf die Füße stellen, um da zu bleiben. Am Anfang kam da fast jede Angst hoch. Ich schätze, dass das normal ist, wenn du dich selbständig machst und in einem nicht-westlichen Land niederlässt.

Die Angst ist für mich eines der spannendsten Gefühle. Sie kann ein Anstupser sein oder einen völlig unterkriegen. Ich bin eigentlich immer Richtung Angst gegangen. Sie hat mich fasziniert. Ich hatte Angst davor mich selbständig zu machen, die Wissenschaft zu verlassen und auch vor großen Gruppen zu reden. Ich habe mich damals in Wien auf der Uni ins Audimax gestellt und meine Vorträge gehalten, nur um meine Angst zu überwinden. Das hat mir Kraft und Selbstvertrauen gegeben, einen eigenen, etwas unkonventionellen Lebensweg für mich zu finden.

Angst ist wie ein magisches Tor. Wenn du es schaffst, da durchzugehen, gehst du gestärkt hervor.

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Martin: Oft kommt die Angst vom kleinen Kind in mir bzw. kommt aus meiner Vergangenheit. Wenn wir die Angst meiden, bleibt sie bestehen. Mit Veränderung geht immer Angst einher. Die Ängste sind immer die gleichen. Kriegen wir den Auftrag? Sind wir gut genug dafür? Schaffen wir das? Wir waren hier, irgendwann mit 500 EUR am Konto und haben uns gefragt, was wir jetzt machen. Das Vertrauen, das Hineinfallen lassen, die Angst willkommen heißen und sich zu denken, dich kenne ich eh! Dann passiert plötzlich etwas. Ein neues Projekt kommt rein. Wichtig, ist das Weitermachen und Dranbleiben, dann entsteht der Flow.

Wie unterscheidet sich das Leben hier von eurem alten Leben in Österreich?

Kathi: Alles! Einer der wesentlichsten Unterschiede ist sicherlich der Umgang mit der Zeit. Die Ausländer, die hier verweilen, haben zum Teil recht viel Zeit. Oft kommt in diesem Umfeld unglaubliche Kreativität auf, weshalb auch viele hier einen Grundstein legen für einen Neuanfang.

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In Ubud gibt es Leute aus aller Welt und dadurch durch diesen selbstgewählten Wohnort entsteht eine Nähe, ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Wir haben ähnliche oder gleiche Werte. Es entsteht hier so eine Art „Werte basierte Community“.

Das sind Yoga Begeisterte, UnternehmerInnen, Menschen, die sich etwas Neues aufbauen wollen und viele Künstler. Ich denke da an die Forschungen von Van Gennep zum Thema Übergangsrituale. Wenn du einen Übergang in einen neuen Lebensabschnitt hast, begleitet dich deine „Communitas“, sozusagen Deinesgleichen, die durch den selben Prozess gehen wie du. Irgendwann wirst du aus dieser „Übergangsblase“ als neues Wesen mit neuem Verständnis von dir selbst und der Welt wieder ausgespuckt.

Martin: In Österreich wird es angehenden Unternehmern nicht unbedingt leicht gemacht. Wenn du dich selbständig machst, wirst du auch sicher mal schief angeschaut. Ich würde es vorsichtig die Nein-Sager-Bremse nennen. Die meisten Österreicher haben mehr als genug Gründe parat, warum es schwierig ist etwas Neues zu machen: Ich kann es nicht, noch nicht, ich brauche zuerst ein Zertifikat dafür usw.

Hier in Ubud gibt es so eine Ja-Einstellung. Du willst etwas machen, tue es. Die Frage ist nur, willst du es wirklich. Die Leute hier sind bereit ihre Erfahrung und ihr Wissen zu teilen und dich bei der Umsetzung deiner Idee zu unterstützen.

In Österreich gibt es viele Ängste zum Beispiel, was die Pension betrifft. Meine Tante hat mir gesagt, ich soll mir das überlegen. Ich bin im Oktober geboren, da habe ich schon mal ein Pensionsjahr „verloren“, weil ich später eingeschult wurde.

Viele Österreicher haben etwas Geld am Konto, haben vielleicht schon das Haus abgezahlt oder nur mehr einen kleinen Kredit und trotzdem riesige Angst vor Veränderung. Obwohl es ein großes Auffangnetz, auch von staatlicher Seite, gibt.

Es gibt keinen Vertrag, der dir sagt: es wird funktionieren, du schaffst das, mit der Selbständigkeit. Die Garantie hast du nirgends. Was zählt ist Vertrauen!

Seid ihr nach 2 Jahren soweit von eurem Online-Business leben zu können?

Beide: Das erste Jahr widmeten wir uns eher der Arbeit an uns selbst und an unserer Beziehung. Im 2. Jahr haben uns ernsthaft überlegt, wie wir unser Leben hier finanzieren können und wollen. Wir haben ein paar Projekte angenommen. Mittlerweile können wir uns die Projekte selbst aussuchen und entscheiden mit wem wir arbeiten. Anfangs war das anders. Es gab zu Beginn den Punkt, wo jeder potentiell ein Klient war. In dem Moment, wo wir uns davon distanziert, entspannt und uns nicht mehr als „bedürftig“ gesehen haben, sind die Projekte plötzlich zu uns gekommen. Dann kam teilweise auch zu viel auf einmal.

Ubud ist ein sehr spiritueller Ort – wie hat euch das beeinflusst? Was ist diese magische Anziehung von Ubud?

Kathi: Ubud ist ein sehr intensiver Ort, ein Kraftort. Man sagt, diese besondere „Energie“ liegt daran, dass hier drei Flüsse zusammenkommen. Ubud bedeutet „Medizin“. Bali an sich ist bekannt für seine Spiritualität. Es ist die ‚Insel der Götter’, die Insel der tausend Tempel und die Menschen hier leben diese Tradition. Mehrmals täglich werden Opfergaben dargebracht – in den Tempeln, in den Häusern, sogar im Supermarkt findet man die kleinen Körbchen aus Bananenblättern, mit Räucherstäbchen, Blumen und kleinen Gaben. Diese Art der Wertschätzung ist hier ganz normal.

Spiritualität zieht sich wie ein roter Faden durch die balinesische Kultur. Opfergaben sind die Wertschätzung für die unsichtbare Welt.

Martin: Die Opfergaben verkörpern diese Grundprinzipien von Anerkennung und Dankbarkeit. Genau das könnten wir in Österreich gut brauchen. Leider wird bei uns sehr gerne „gesudert“. So sehen die meisten Menschen gar nicht, wie gut es ihnen eigentlich geht. Der Fokus liegt oft auf Mangel – auf dem was ich nicht habe. Hier in Bali sehen die Menschen die Fülle, den Reichtum im Leben. Fülle und Dankbarkeit gehören zusammen. Das stetige Beten, die aufrichtige Dankbarkeit für die kleinen und großen Dinge: die Dusche, das Essen, die neue Hose, das Moped etc. Es gibt so vieles für das man dankbar sein kann. Die Balinesen machen das so spielerisch. Nach der Devise: Ich muss nicht, sondern es macht mir Freude.

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Was bedeutet Glück für euch? Sind die Menschen in Bali tendenziell glücklich?

Kathi: So wie ich die meisten Balinesen verstehe, sind sie sehr herzliche und im Moment lebende Menschen. Natürlich gibt es auch die Gier und die Verlockungen des Geldes und von außen sieht vieles anders aus als es tatsächlich ist.

Der Stellenwert der Gemeinschaft ist sehr wichtig. Ich sehe ihn als Segen und Fluch. Die Balinesen verbringen sehr viel Zeit im Tempel, mit Zeremonien und Festivitäten. Es ist auch eine soziale Verpflichtung, dabei sein zu müssen. Der Umfang an sozialen Verpflichtungen ist erstaunlich für mich als freiheitsliebenden Menschen. Und gleichzeitig gibt die Community Rückhalt und schafft einen Raum der Sicherheit.

Martin: Für mich ist Glück….glücklich sein, im Frieden sein, präsent sein mit dem was ist.

Jemand, der glücklich ist, ist nicht-suchend. Es geht vielmehr um das Ab-decken und Ent-decken des Glücks als Grundzustand. Glück ist wie der Himmel. Es gibt Wolken, die drüberziehen, dann kommt wieder Sonnenschein – der Himmel bleibt dabei aber unberührt.

Für mich passt diese „Hans im Glück“ Vorstellung nicht wirklich, weil ich nicht finde, dass Glück etwas Ekstatisches oder Euphorisches, „High 5“-mäßiges ist, dass mich über die Wiese hüpfen lässt. Das ist für mich Freude oder Euphorie, die ja auch vergänglich ist daher würde „Hans in der Freude“ eigentlich besser passen.

Die äußeren Lebensumstände beeinflussen uns natürlich. Mein Glücklichsein wird sich aber nicht verändern, ob ich jetzt ein größeres Haus oder eine Haushälterin oder ein zweites Moped habe. Ich war nicht unglücklich, als wir nur 500 EUR am Konto hatten. Die Frage ist eher wie verbunden fühle ich mich und wie schaffe ich innere Umstände um Glück zu spüren.

Im Westen haben wir so etwas wie eine „Betäubungskultur“ mit Alkohol, Nikotin, Drogen, Arzneien. Wir tun alles, um uns nicht zu spüren und nichts zu hören, daher kommt ja auch das „sich betäuben“ und „taub sein“. Für mich geht es um das Akzeptieren, wo ich gerade bin, es anzunehmen und dann Schritte zu setzen.

Kathi: Glück ist ein für mich ein Gefühl von einer inneren Richtigkeit. Ich bin prinzipiell von meiner Grundnatur ein eher glücklicher Mensch. Als sich mein Weg irgendwann nicht mehr richtig anfühlte, habe ich mich auf die Suche gemacht und viel verändert.

Glück ist auch die Fähigkeit zu lieben – Dinge, Menschen, Tiere und sich selbst. Habe ich mir mein Leben so eingerichtet, dass ich mich frei fühle, Zeit habe in mich zu gehen und in Kreativität einzutauchen…?

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Welche Techniken wendet ihr regelmäßig an?

Kathi: Meditation ist für mich sehr hilfreich, um Distanz zu gewinnen von den alltäglichen Ereignissen und ihnen gelassener gegenüberzutreten, damit ich weg vom Reagieren komme. Yoga und Bewegung sind die Grundlage für meine Ausgeglichenheit. Ich schreibe auch täglich ins Tagebuch und mache regelmäßig Atemarbeit („Breath Work“).

Unser Morgenritual sieht so aus: wir meditieren und sporteln, frühstücken, reden, setzen uns – meistens – eine Intention für den Tag. Wir starten erst nach 3-4 Stunden, dafür aber voll aufgetankt los in den Arbeitstag.

Martin: Es geht um Empathie und Verantwortung übernehmen. Solange die anderen schuld sind an dem wie es mir geht, mache ich mich zum Opfer. Das System ist schuld, meine Ex-Frau, mein Chef, meine Eltern,…In dem Moment, wo ich die Verantwortung für mein Leben übernehme, die Kraft in mir finde, mein eigenes Glücklichsein selbst in die Hand nehme, passiert etwas. Ich hole mir die Macht zurück.

Glücklichsein heißt auch zuzulassen, dass es mir einmal nicht gut geht. Nicht, ich muss jetzt glücklich sein. Momentan geht’s mir schlecht, trotzdem akzeptiere ich es, lasse es zu und bewege mich durch. Nie Wolken am Himmel zu haben, geht nicht. Immer lächeln, geht nicht.

Kathi: Wertschätzung in mein Bewusstsein zu bringen, das macht mich unmittelbar glücklich. Es ist nichts selbstverständlich. Ich finde es zum Beispiel gerade so schön, dass wir hier sitzen, uns unterhalten können, einen guten Kaffee trinken,…

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