Glück teilen: Vom Tauschen und Teilen in der Südsee

Es war ein heißer Nachmittag in Suva, Fidschi. Die 22-jährige Bongi hat mich in ihr Dorf Korolevu eingeladen. „Bevor wir das Dorf betreten, müssen wir noch ein paar Vorbereitungen treffen: wir brauchen Sevusevu und Sulus.“ Mit Sevusevu oder Kava meint sie ein Pfeffergewächs, ein wesentlicher Bestandteil von Ritualen im westpazifischen Raum. Sulu ist ein langes Tuch, das sich frau und man um die Hüften bindet. Die Beine und Schultern müssen verdeckt sein. Hüte und Sonnenbrillen sind im Dorf Tabu.

Bongi schlägt mir einen Tauschhandel vor: ich soll das Taxi bezahlen und sie kauft die Kava Wurzel. Ein nicht ganz fairer Deal für sie wie sich später herausstellt. Das Taxi kostet 15 Fidschi $ und die Wurzel 45 Fidschi $. Ich frage Bongi, ob ich ihr noch etwas Geld geben kann. Sie antwortet:

Das ist schon ok. Eine gute Beziehung ist mir wichtiger.

Von sozialen Beziehungen, Tauchgeschäften und Gegenseitigkeit (Reziprozität)

Ein Steckenpferd der Anthropologen ist die Sache mit der Reziprozität (Gegenseitigkeit). Der bekannte Ethnologe Bronislaw Malinowski hat sich in seinen Studien auf den Trobiand Inseln (Die Argonauten des westlichen Pazifik, 1922) mit dem Thema befasst. Im Grunde geht es um die komplexen Austauschbeziehungen zwischen den Bewohner/innen unterschiedlicher Inseln. Halsketten und Armbänder wurden mit zeitlichem Abstand im Zuge von Expeditionen mit den anderen getauscht. Gewinn spielt dabei keine Rolle. Die soziale Funktion dieses Rituals namens Kula ist die Festigung von sozialen Beziehungen. Es ist ein Beispiel für eine lange Tradition im pazifischen Raum.

Kava trinken gehört zum Einmaleins in Fidschi

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Kava

Wie spannend so ein Tauschgeschäft sein kann! Ich kann mein Glück nicht fassen, dass ich da gerade mitten drin bin. Im Dorf angekommen werden wir von Angelo, dem Vertreter der Chief Familie und zwei älteren Herren, die sich als Spokesmen (Wortführer) vorstellen, empfangen. Ich überreiche die Wurzel. Kurz darauf beginnt das Kava Ritual. Eine Holzschüssel (Tanoa) hat auf einer Seite einen zusätzlichen Fuß oder eine Zacke, die zum Chief ausgerichtet ist. Das Pulver wird in ein Tuch gegeben und dieses im Wasser ausgedrückt. Es sieht ein bisschen wie Wäsche waschen aus. Das wird solange gemacht bis sich das Wasser in eine schlammige Suppe verwandelt. Der Chief reicht eine halbe Kokosnuss Schale an jeden Teilnehmer des Rituals. Einmal klatschen, Bula sagen, trinken und wieder dreimal klatschen. Dann wird die Schale wieder zurückgegeben und die nächste ist an der Reihe. Dies geht solange weiter bis man aufsteht und geht bzw. der Saft ausgetrunken ist. Dann kann aber nochmals nachgelegt werden. Früher war das Kava trinken nur dem Chief vorbehalten. Mittlerweile ist Kava für viele ein regelmäßiges wenn nicht  tägliches, abendliches Ritual. Das Getränk schmeckt für mich wie Heilerde und bringt meist ein taubes Gefühl im Mund, Müdigkeit und Entspannung mit sich. Wikipedia sagt über Kava, dass übermäßiger Konsum ungesund und gesundheitliche Folgen haben kann.

Teilen macht glücklich

Das Kava Trinken bringt für mich sehr gut zum Ausdruck, was ich in Fidschi als gelebte Praxis kennengelernt habe. Es wird gerne geteilt, es wird gerne mal etwas spendiert und verschenkt. Das gibt dem Schenkenden und dem Beschenkten ein gutes Gefühl. Es bringt beide Parteien Glück. Beziehungen und die Gemeinschaft insgesamt werden dadurch gestärkt.

Ich habe seit ich in Fidschi bin bereits unzählige Dinge erhalten:

  • ein Sulu-Tuch von einer Familie, bei der ich 5 Tage verbracht habe. Als Dankeschön, dass ich bei ihnen zu Besuch war! Sie haben ein Zimmer für mich geräumt und mir zur Verfügung gestellt, indem normalerweise 4 Familienmitglieder in 2 Betten bzw. am Boden schlafen. Dazu bin ich 4-mal am Tag verköstigt worden. Als Gegengeschenk habe ich ihnen am Schluss etwas Geld gegeben. Die Familie hat sich anfangs gesträubt es anzunehmen.
  • ca. 30 Muscheln und versteinerte Korallen, die ein paar Kinder am Strand in Taveuni für mich aufgeklaubt haben. Ich habe immer wieder ein paar in die Hand gedrückt bekommen und dann nochmal von einem anderen Kind. Dann bin ich weitergegangen und die nächste Ladung Muscheln wurde mir mit einem breiten Grinsen überreicht.
  • Kokosnüsse! Einmal bin ich etwas betrübt herumspaziert, als mich der Gärtner meiner Unterkunft angesprochen hat. Ich hatte davor schon öfters mit ihm gesprochen. Um meine Laune zu verbessern hat er mir eine Kokosnuss organisiert. Er ist auf die Palme geklettert und hat sie anschließend mit einer Machete gespalten.
  • Mehrere Esseneinladungen. Ich bin bereits des Öfteren von Fidschianern zum Essen eingeladen worden. Jedes Mal habe ich vorzüglich gespeist und konnte auch bei der Zubereitung der Speisen dabei sein.

Da sind mir diese Zitate wiedermal in den Sinn gekommen:

Man muss sein Glück teilen, um es zu multiplizieren. Von Marie von Ebner-Eschenbach, österr. Schriftstellerin, 1830 – 1916

Das Glück ist das einzige, das sich verdoppelt, wenn man es teilt. Von Albert Schweitzer, dt.-frz. Arzt, 1875 -1965

Ist das jetzt wirklich teilen oder wird eine Gegenleistung erwartet?

Dieser Frage habe ich mit vielen Fidschianern und in Fidschi lebenden Ausländern diskutiert. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass das Teilen von klein auf zur gelebten Praxis gehört. Die Familie zeigt es vor – beim Essen, beim Kava trinken, usw. Ein offenes Haus für alle zu haben ist ganz wesentlich. Jeder kann kommen und mitessen und -trinken. Dennoch  gibt es eine klare Verpflichtung zur Gegenseitigkeit (Reziprozität). Diese muss nicht unmittelbar sein und kann bei großen „Geschenken“ auch als „Versicherung für schlechtere Zeiten“ verstanden werden. Heute lade ich dich dazu ein oder schenke dir das aber wenn ich mal zu dir oder jemanden von deiner Familie komme und etwas brauche, wünsche ich mir auch Unterstützung. Dieser Zeitpunkt kann kommen oder auch nicht. Ein paar Fidschianer meinten auch, dass man etwas zurückgeben kann aber nur wenn man will und falls nicht, macht es auch nichts. Wie überall gibt es Menschen, die mit großer Freude geben und nichts zurück erwarten und es gibt solche, die das System beinhart ausnutzen.

Der Familienvater Ameo, der auf der Insel Waya lebt, hat mir erzählt, dass er Maniok (Cassava) anpflanzt und dann an das Resort nebenan verkauft. Die Leute im Dorf kommen oft zu ihm und sagen KERE KERE (Bitte), ich will das und jenes von dir haben. Es ist eine Verpflichtung ihnen das zu geben, was sie wollen. Ameo gibt gerne aber er ärgert sich manchmal, dass er, vom vielen Kava trinken faul gewordene Nachbarn mitfüttern muss. Er würde lieber mehr Geld vom Verkauf verdienen und es für seine Kinder und ein größeres Wohnzimmer ausgeben. Er lehnt auch hin und wieder ab, aber es ist schwer. „Wir sind Teil einer Gemeinschaft und unterstützen uns gegenseitig“, erklärt Ameo. Er selbst hat dem Kava abgeschworen, weil er zunehmend unproduktiv wurde, immer spät abends erst heimkam und viel mit seiner Frau stritt. Es war ein harter Weg, denn die Dorfgemeinschaft wollte anfangs nicht akzeptieren, dass Ameo und seine Familie sich aus dem Ritual ausklinken. Er ist hart geblieben und mittlerweile sind die Beziehungen wieder „gut“.

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Ameo & Familie

Fidschi – ein Ort mit glücklichen Menschen?

Für mich ist Fidschi ein Land, in dem ich mich sehr wohl fühle. Hier bin ich vielen sehr glücklichen Menschen begegnet. Andere Touristen, die ich getroffen habe, sehen es ähnlich. Es ist einfach hier eine tolle Zeit zu verbringen. Die Menschen sind freundlich, hilfsbereit, lachen sehr viel. Für Touristen ist es wie ein Paradies! Türkises Wasser, Traumstrände, atemberaubende Wasserfälle und Palmen soweit das Auge reicht. Ich hoffe, es bleibt noch länger so bevor der Tourismus das Land komplett überflutet – oder der Klimawandel dafür sorgt. Natürlich ist nicht alles perfekt in Fidschi. Wo viel Licht ist gibt es auch Schatten. Eines der großen Themen in Fidschi ist der Klimawandel, der tatsächlich einen Teil der Landmasse bedroht und in den nächsten Jahren neue Herausforderungen mit sich bringen wird. Einige Inselstaaten mit sehr flacher Landmasse wie Tuvalu, Kiribati und die Marshall-Inseln sollen sogar teilweise oder gänzlich nach Fidschi umgesiedelt werden. Die politische Situation und Macht- und Landverteilung zwischen Fidschiandern und anderen Bevölkerungsgruppen wie den Indo-Fidschianern war in den letzten Jahren spannungsgeladen. Last but not least ist die häusliche Gewalt ein großes Thema. Rund 68% der Frauen in den gesamten Pazifikstaaten sind davon betroffen. Es ist eine der höchsten Raten weltweit. Organisationen und UN Women organisieren Projekte und Kampagnen um mehr Bewusstsein zu schaffen.

Lachen – als Heilmittel

In Fidschi wird viel gegrinst und gelacht. Es wird gelacht, wenn jemand etwas Lustiges erzählt, wenn gescherzt wird aber auch wenn etwas Peinliches oder ein Ungeschick passiert. Vor kurzem saß ich am Pool und schrieb mir eine To Do-Liste für den Tag. Plötzlich kam ein Windstoß und die Liste landete im Pool. Sie landete mittendrinn und ich konnte zusehen wie sich die Schrift langsam auflöste. Die Fidschianer rund herum fingen an zu lachen. Ich fand das zunächst gar nicht so lustig, habe mich dann aber anstecken lassen. Soviel zum Thema To Do Liste (siehe Blogartikel Reise zum eigenen Selbst). Einige Ausländer, die hier leben, sind begeistert davon, wieviel und über was hier alles gelacht wird und finden die Strategie über ein Unglück oder Missgeschick zu lachen auch sehr hilfreich, die Dinge aus einer anderen Perspektive und vor allem locker zu nehmen.

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