Mein Glück ist die Familie

Sascha (28), ihr Mann Ljoscha (28) und ihre Tochter Ljoschka (1½) kommen aus der Ukraine. Das erste Mal waren die beiden auf Hochzeitsreise auf den Philippinen. Seit kurzem sind sie erneut hier. Diesmal mit einer etwas ungewöhnlichen Mission. Sie wollen Saschas Vater mit einer Philippinin verkuppelt und ihm dabei helfen sich hier ein neues Leben aufzubauen.

12842480_1720348368180705_952012470_o

Wie seid ihr nach El Nido auf der Insel Palawan gekommen?

Sascha: Wir verbrachten unsere Hochzeitsreise hier auf den Philippinen. In El Nido kamen wir genau zu meinem Geburtstag vor zwei Jahren an. Orin ist die Besitzerin der Pension, in der wir wohnten. Sie war so nett und machte mir einen Kuchen. Zwischen uns entwickelte sich eine Freundschaft. Von ihr habe ich viel über die philippinische Kultur, die Sprache und die Küche gelernt.

Einmal erzählte mir Orin wie sie sich ihren Traummann vorstellte. Ich sagte zu ihr, dass ich da jemanden kenne – meinen Vater! Wir scherzten und sie sagte: „Vielleicht bringst du ihn das nächste Mal mit.“ Das war alles im Spaß gesagt und sie dachte nicht wirklich, dass ich sobald wieder kommen, geschweige denn meinen Vater mitnehmen würde. Für mich war das aber ernst gemeint, weil es eine wunderbare Gelegenheit für meinen Vater wäre, hier ein neues Leben zu beginnen. Ich möchte wirklich, dass mein Vater glücklich und gesund ist! Er hat nämlich Probleme mit der Lunge. Die Kälte in der Ukraine tut ihm nicht gut und er ist oft krank.

Also wie hat sich das genau zugetragen? Es begann alles mit ein paar Scherzen mit dieser Philippinin namens Orin…

Sascha: Zurück in der Ukraine, machten wir meinem Vater den Vorschlag auf die Philippinen zu ziehen. Ich erwartete mir, dass er sagen würde: „Ihr seid ja verrückt!“. Aber er war richtig inspiriert! Er sagte: „Wow! Ich liebe das Meer. Ich will segeln…und es ist warm dort…das ganze Jahr lang….Warum eigentlich nicht….“. Er war also wirklich begeistert von der Idee. Also planten wir bereits im kommenden Winter gemeinsam auf die Philippinen zu reisen und ihn mit Orin bekannt zu machen. Aber dann wurde ich schwanger und mein Mann und ich kauften uns eine neue Wohnung in einem Vorort von Kiew. Mein Vater half uns bei der Renovierung unserer Wohnung. Er hat das wirklich ganz toll gemacht. Ich habe ihn dann gebeten, eine zeitlang bei uns zu wohnen und mir mit dem Baby zu helfen.

12596615_1720348018180740_1295323634_o

Wirklich?

Sascha: Ja, er ist der beste. Meine Mutter und meine Schwiegermutter machen das auch gut, aber mein Vater ist der beste Babysitter! Ljoschka liebt ihn. Jedenfalls dadurch, dass wir dann nicht gefahren sind, träumte mein Vater weiterhin von den Philippinen aber er war sich nicht sicher, ob sich diese Idee verwirklichen würde. Selbst als wir schon die Flugtickets gebucht hatten, glaube er weiterhin nicht, dass wir wirklich fahren würden. Er dachte, das wäre zu unglaublich und nur ein Traum. Er befürchtete, dass etwas dazwischenkommen würde. Und deshalb lernte er in diesen zwei Jahren kein Englisch! 😀 Wir haben ihm jetzt ein Geschenk gekauft: ein Tablet. Er hat ein Übersetzungsprogramm und wenn er etwas nicht versteht, kann er nachschauen.

Was macht er denn beruflich und was möchte er auf den Philippinen machen?

Sascha: Mein Vater hat viele verschiedene Dinge in seinem Leben gemacht. Als er jung war hatte er ein Boot. In der Ukraine haben wir ja das Schwarze Meer. Mein Vater segelte dort und liebte es. Während meiner ganzen Kindheit hat er mir immer wieder davon erzählt, wie er mit seinem Boot herumgesegelt ist. Ich dachte damals, dass er ein Träumer ist aber mittlerweile verstehe ich ihn. Er ist jetzt 56 Jahre alt. Meine Eltern haben sich schon vor sieben Jahren getrennt. Es ist ein guter Zeitpunkt für ihn jetzt nochmal neu anzufangen.

Es ist auch so, dass mein Vater früher eine kleine Landwirtschaft hatte. Dazu kommt, dass er viel handwerkliche Erfahrung hat, gut im Renovieren und Bauen ist. Er hat auch als Tischler gearbeitet und kann gut Ziegel legen. Es ist so lustig, wenn ich hier mit ihm durch den Ort gehe, sagt er immer: „Ach, wie können die das so bauen! Da ist ein riesiger Spalt zwischen den Ziegeln und die Mauer ist schief.“ 😀 Und er war auch Taxi- und LKW-Fahrer in Kiew. Und er kann Öfen bauen, zum Beispiel Steinöfen für Pizza. Er hat schon einen ersten Auftrag ergattert für die Unterkunft Garden Bay so einen Ofen zu bauen. Also es gibt verschiedene Optionen, was mein Vater hier machen könnte. Er könnte auch Tricyle Fahrer (lokales Taxi) sein oder eine kleine Farm betreiben. Er möchte einfach etwas tun. Ihm wird schnell langweilig. Es ist nichts für ihn den ganzen Tag in der Hängematte zu liegen. 😀

Also seit wann seid ihr jetzt hier?

Sascha: Seit fast zwei Monaten. Zuerst blieben wir einige Zeit in Puerto Princesa, damit wir uns akklimatisieren können. Außerdem kauften Ljoscha und mein Vater ein Moped. Das dauerte auch einige Zeit und dann hat sich mein Vater leider überschätzt. 😀 Er wollte bis nach El Nido mit dem Moped fahren. Das ist eine Strecke von 6-7 Stunden. Als er eine Probefahrt rund um den Häuserblock machte, verlor er die Kontrolle über das Moped und krachte in einen kleinen Straßenstand. Die Schaltung ist scheinbar anders als bei uns. Er hat sich leicht auf der Hand und am Steißbein verletzt, sonst ist nichts passiert. Also fuhren wir mit dem Bus nach El Nido. 😀

Wie war die erste Begegnung zwischen deinem Vater und der Philippinin?

Sascha: Beide waren unglaublich nervös. Die Töchter von Orin sagten ihr: „Er hat so einen langen Weg auf sich genommen, um dich kennenzulernen. Das heißt schon was.“ Wir sagten unserem Vater wie er sich benehmen sollte: „Mach ja nicht dies und jenes.“ Jedenfalls entstand ein großer Druck für beide. Sie grinsten und lachten ständig bei den ersten Begegnungen und sie fingen beide an, sich wie Teenager zu benehmen. 😀 Das Lustige ist, dass mir beide erzählten, was sie am anderen mögen. Um den Druck rauszunehmen, haben sie entschieden fürs erste nur befreundet zu sein. Sie brauchen einfach Zeit! Orin ist auch sehr beschäftigt mit ihrer Arbeit, die Pension zu betreiben, und sich um ihre zwei Töchter und zwei Enkelkinder zu kümmern.

12422411_1720348521514023_1112426114_o

Und wie geht es jetzt weiter?

Sascha: Wir haben vor für die nächsten vier Monate hier zu bleiben. In dieser Zeit wollen wir meinem Vater helfen, hier sesshaft zu werden. Was das Visum betrifft, könnte er mit geringem Aufwand für zwei Jahre im Land bleiben. Das Visum kann man relativ einfach verlängern ohne ausreisen zu müssen.

Ein Projekt ist bereits aufgegangen. Mein Vater hat für Orin einen Brunnen gebaut. Als nächstes werden wir werden wir ein Stück Land pachten. Die Formalitäten brauchen aber noch etwas.

Wie geht es dir hier?

Sascha: Mir gefällt es so gut. Ich spreche die Sprache schon ein bisschen. Ich liebe es etwas Neues zu lernen. Ich gehe gerne auf den Markt und koche. Ich genieße es sehr.

Ich fühle mich jeden Tag, jeden Moment gut. Jeder Tag ist heute. Ich habe ein ganz anderes Zeitgefühl.

Wir sind sehr einfache Menschen, Ljoscha und ich. Wir brauchen nur einen Platz zum Schlafen, gutes Essen und nette Leute um uns. Wir haben alles! Wir wollen ein einfaches Leben!

Was genau meinst du damit?

Sascha: Ich koche zum Beispiel sehr gerne. Als Teenager hätte ich mir das nie ausgemalt, dass mir das so viel Freude bereiten würde. Das ist Glück!

Wir kommen jeden Tag zu dieser abgelegenen ruhigen Bucht, weil es Schatten gibt und das Wasser nicht so tief ist. Das ist ideal damit die kleine Ljoschka schwimmen kann. Mit den Leuten hier sind wir mittlerweile gut befreundet. Sie helfen mir und entlasten mich. Wenn ich mal eine Dusche nehmen will, kümmern sie sich um Ljoschka.

Wie ist es mit einem Baby zu reisen?

Sascha:

Es ist viel interessanter mit einem Baby zu reisen als nur zu zweit.

Die Zeit ist viel lustiger, weil wir beschäftigt sind. Die kleine Ljoschka ist sehr aktiv und will alles entdecken. Beim Reisen mit dem Flugzeug und dem Bus hatten wir ziemlich lange Wartezeiten. Mit Luftballons konnte ich sie gut beschäftigen. In der Ukraine war es so kalt bevor wir abgereist sind und wir konnten nicht hinausgehen. Hier haben wir die Sonne und es ist warm. Wir können viel mehr machen. Sie spielt mit Holzstöcken, Kokosnüssen, Seesternen, Muscheln usw. Sie will gar nicht mit den alten Plastikspielsachen spielen. Sie ist sehr glücklich hier, das spüre ich.

In Asien ist jeder begeistert von meinem Baby, weil sie blaue Augen und weiße Haare hat. Jeder will sie näher betrachten und Selfies mit ihr machen.

12528650_1720348171514058_904058073_o

Was macht eigentlich dein Mann? Wie ist es möglich, dass ihr für die nächsten Monate hier in den Philippinen bleibt?

Sascha: Mein Mann arbeitet für eine amerikanische Firma als Programmierer. Er hat sich gezielt nach einem Online-Job umgesehen, damit wir flexibler sind und reisen können. Wir wohnen außerhalb von Kiew und mit dem dichten Verkehr, war es sehr praktisch, dass er von zuhause aus arbeiten kann. Jetzt macht er seine Arbeit einfach hier.  Er arbeitet täglich 6-7 Stunden während wir hier am Strand sind. Das trifft sich sehr gut, weil Ljoscha eine sehr helle Haut, Sommersprossen und rote Haare hat. Er kann gar nicht so lange draußen sein. Wenn die Sonne untergegangen ist, holt er uns hier ab und spielt dann mit Ljoschka. Wenn die kleine Ljoschka eingeschlafen ist, haben wir Zeit für uns. Im Moment lesen wir Harry Potter. Das ist im Moment unser kleines Glück!

12873524_1720348454847363_681345918_o

Was bedeutet Glück für dich?

Sascha: Ich bin momentan sehr glücklich. Ich habe alles und viel mehr als ich es mir jemals erträumt hätte. Früher war ich sehr religiös und beschäftigte mich viel mit der Bibel. Dann war ich einige Zeit in Indien und studierte den Hinduismus. Als ich Ljoscha kennenlernte, änderte sich mein Weltbild. Ljoscha hat einen sehr pragmatischen Zugang. Wenn du etwas erleben möchtest oder erreichen willst, tue es einfach. Es ist eigentlich sehr simpel. Das gefällt mir.

Mein Glück ist jetzt die Familie.

12499545_1720348191514056_1574323761_o

Wie ist die aktuelle Situation in der Ukraine? Wie geht’s dir damit?

Sascha: Weißt du, als die Revolution begonnen hat, waren wir alle sehr aufgeregt und begeistert. Wir haben ständig Leute auf der Straße kennengelernt und sofort gute Kontakte geschlossen. Zum ersten Mal in unserem Leben, waren wir stolz auf unser Land! Aber dann kippte die Stimmung. Ich war zu dieser Zeit schwanger. Ich habe aufgehört, die Nachrichten zu lesen, weil ich mich schützen wollte. Es war einfach zu furchteinflößend. Als sie begannen, Leute auf der Straße zu erschießen, war mein Mann dabei. Er war noch in sicherer Entfernung aber es war sehr schlimm. Bis jetzt lese ich keine Nachrichten und schaue kein TV. Ich will mich da ausklinken. Ich habe ein Baby und einen Mann. Ich bin glücklich. Viele Menschen, die ich kenne, machen das so. Es wirkt vielleicht so, als wäre ich ignorant, aber ich kann nicht anders. Mein Mann ist sehr gut informiert. Du kannst ihn fragen, wenn du Details wissen willst.

Wie ist die Stimmung in Kiew? Was hat sich verändert im Vergleich zu vorher?

Sascha: Die Stimmung zwischen den Menschen ist anders. Die Leute sind viel hilfsbereiter und offener geworden. Wenn jemand ein Problem hat, helfen die anderen eher und es wird mehr geteilt. Während der Revolution haben Menschen Essen gekocht und gekauft und an die Leute, die auf der Straße demonstrierten, verteilt. Die Solidarität war unglaublich groß! Als dann die Auseinandersetzungen mit der Polizei begannen, hat jeder seine Snowboard- und Motorrad-Ausrüstung wie z.B. Helme getragen und sich gegenseitig geborgt. Ich kann natürlich nicht für alle sprechen aber das ist so wie ich es erlebt habe.

Und noch etwas, die jungen Leute beginnen Dinge in die Hand zu nehmen! Zum Beispiel, gab es einen verlassenen Platz. Die junge Generation hat daraus einen Park im Namen der und zur Erinnerung an der Verstorbenen in der Revolution gestaltet. Die Leute haben einen schönen Garten angelegt und Gemüse angepflanzt. Sie haben sich wirklich etwas geschaffen. Ein anderes Beispiel ist eine Bekannte, der ein Schild in der Altstadt nicht gefiel, weil es sehr heruntergekommen war. Sie hat eine Petition gestartet, Unterschriften gesammelt und dem Bürgermeister unterbreitet. Das wurde dann geändert. Also man sieht, meiner Ansicht nach, dass die jungen Leute sich ihre Raum, ihre Welt selbst gestalten wollen. Es sind kleine Schritte aber ich sehe diese Veränderungen. Wenn du etwas haben oder machen willst, stell dich auf die Füße und tu es! Du kämpfst nicht gegen das System aber passt es für dich an und machst das Beste daraus. Weißt du, früher während der Sowjetunion und in den Jahren danach waren die Leute viel passiver. Sie haben sich auf das System verlassen und Dinge vielmehr hingenommen und toleriert. Jetzt wollen sie Veränderung!

Du hast eine Familie und ein Kind. Wie siehst du die Zukunft? Wollt ihr lieber im Ausland leben oder werdet ihr zurückkehren?

Sascha: Wir wollen in der Ukraine leben! Deshalb haben wir uns auch eine Wohnung gekauft. Ich mag die Kultur und die Leute. Ich glaube daran, dass sich etwas zum Guten ändern wird in unserem Land, aber das wird Zeit brauchen und es wird weiterhin hart sein. Wir wollen etwas für die Ukraine tun! Wir haben noch nicht herausgefunden, was wir genau beitragen können aber es wird sich etwas ergeben. Wir träumen von 10 Kindern. Das könnte ein Betrag sein! 😀

Im Ernst?

Sascha: Ja, ganz im Ernst. Wir wollen aber auch welche adoptieren. Unsere Wohnung wird dann wahrscheinlich zu klein, aber vielleicht können wir später einmal in ein Haus ziehen.

12675287_1720348328180709_797351140_o

Was ist deine Meinung?

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind mit * markiert

Absenden *