Raus aus dem Alltag

Kurz entschlossen um Alltagsstress und Termindruck zu entkommen,  habe ich mich für eine Woche der Achtsamkeit entschieden. Durch einen Tipp bin ich auf das Buddhistische Zentrum in Scheibbs gestoßen, wo regelmäßig Schweige- und Achtsamkeitsseminare angeboten werden. Ob Vipassana oder Retreat genannt, im Grunde geht es um Meditation – im Sitzen und im Gehen, Schweigen und Stille, Besinnung und Rückzug. Zusätzlich wurden Yoga und private Sprechstunden mit der Seminarleitung angeboten. Die wunderschöne herbstliche Landschaft des Mostviertels und das köstliche vegetarische (und auf Wunsch vegane) Essen haben zur ultimativen Entspannung beigetragen.

Ginko Baum im Herbst

Eine Woche schweigen

Rund 40 Teilnehmer/innen waren angemeldet und so war der erste Abend recht laut und bunt. Eine liebe Freundin war auch mit von der Partie. Mein erster Gedanke war „Oh so viele interessante Menschen, die ich alle kennenlernen will aber ich darf ja nicht reden…“. Die Wehmut ebbte schnell ab. Durch das Schweigegebot war die Kommunikation nicht völlig abgeschnitten. Praktische Dinge konnten besprochen werden wie „das Salz, bitte“ oder „wo finde ich die Gartenschere?“. Außerdem war es immer möglich mit der Seminarleitung zu sprechen. Das übliche Geschnatter und Kennenlernen gab es aber nicht und das war auch gut so, wie sich herausstellte. Keine Gruppendynamik, keine anregenden Gespräche, die vom 100sten ins 1000ste führen, kein „was denken die anderen…?“. Letzenden Ende eigentlich sehr angenehm, sich einmal auf sich selbst zu konzentrieren. Schließlich gibt es jede Menge Gedanken und Gefühle wahrzunehmen, die durch die Ablenkungen des Alltags oft zu kurz kommen und jetzt einmal Raum finden wollen.

Ablauf & Selbstlose Hilfe

Der strukturierte Tagesablauf mit Start um 6:00 machte mich zu Beginn etwas unrund. Mit einem Gong wurden wir geweckt. Da will man ja eigentlich raus aus dem Terminzwang und entspannen inkl. lange schlafen… Andererseits tat es gut, nicht nachdenken, nichts planen und nächste Schritte überlegen zu müssen. „Wie verbringe ich den Nachmittag möglichst effizient, wie bringe ich alle meine To Dos unter…“ – das spielte es jedenfalls nicht. Es gab einen klaren Ablauf und der wurde gefolgt. Täglich gab es Yoga, Sitz- und Gehmeditation. Die Mittagspause war lang und wurde von den meisten Teilnehmer/innen zum Schlafen und Spazierengehen genutzt.  Einmal am Tag gab es ein Zeitfenster von einer Stunde für selbstlose Hilfe. Am Vorabend lag ein Zettel mit Aufgaben auf. Ich probierte Geschirr waschen und abtrocknen aus. Mehr Spaß machten mir aber das Rechen von Laub und die Gartenarbeit. Unkraut auszupfen und ein bisschen in der Erde herumgraben, das war lustig und für den guten Zweck, zum Wohle aller. J

Selbstlose Gartenarbeit mit Ente

Sitz- und Gehmeditation

Täglich gab es zahlreiche Einheiten, die den Meditationen gewidmet waren. Beim Sitzen wurden diese meist angeleitet. Es ging darum 30-45 Minuten in der Meditation zu versinken, sich darauf einzulassen. Das Sitzen auf Pölstern und Decken wurde mit der Zeit immer schwieriger. Der 3. Tag war der anstrengendste. Daraufhin habe ich mir einen Sessel geholt, um dann abwechselnd am Boden und auf dem Stuhl zu sitzen. Irgendwann war auch das kein Thema mehr. Die Gehmeditationen haben mir besonders gut gefallen. Hier ging es darum wie eine Schnecke im Zeitlupentempo einen Fuß vor den anderen zu setzen. Es war so langsam und entspannend. Einfach Entschleunigung pur. Sinn und Zweck der Übung ist es sich voll und ganz auf den Moment zu konzentrieren. Warum ist das wichtig? Weil wir normalerweise in unseren Gedanken sind und nicht beim eigentlichen Tun. Wenn wir essen, denken wir an ganz andere Dinge als an das Essen. Die Nahrungsaufnahme blenden wir einfach aus, weil es „Wichtigeres“ gibt. Stattdessen reden und denken wir. Bei den Achtsamkeitsübungen geht es aber wieder um das Hier und Jetzt. Was passiert jetzt gerade? Und siehe da, ich habe Kleinigkeiten bemerkt, die mir normalerweise nie auffallen. Schöne Blätter, Farbspiegelungen, Pilze usw., an denen ich sonst vorbei gehe.

Achtsamkeit & Buddhismus

Die Achtsamkeitslehre hat ihren Ursprung im Buddhismus. Diesen Kontext herzustellen und mehr über Buddhismus zu erfahren, fand ich sehr passend. Es war mir weder zu viel noch zu wenig „spirituell“. Einmal am Tag gab es ein paar Weisheiten und Tipps für den Alltag, die Ursula, unsere 90-jährige Seminarleiterin erzählte. Mehrmals täglich eine 3-Minuten Pause machen:

  • 1 Minute Befindlichkeitscheck (Wie geht’s mir? Wie fühle ich mich gerade?)
  • 1 Min. Atemzüge zählen pro Minute (Ein- und Aus zählt als 1)
  • 1 Min. Hand aufs Herz legen und dem Atem Raum geben.

Diese Übung habe ich auch schon im Büro ausprobiert. Der Handywecker hat mich dezent auf das Ende der Minute hingewiesen. Übrigens, gibt es auch Handy Apps mit einem Gong, die einen tagsüber ins Hier und Jetzt zurückholen sollen.

Im Buddhistischen Zentrum Scheibbs

4 Kommentare on Raus aus dem Alltag

  1. Lisi
    12. November 2018 at 8:41 (11 Monaten ago)

    Wow, klingt nach einer sehr schönen Erfahrung!

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  2. Maria Kaufmann
    12. November 2018 at 11:35 (11 Monaten ago)

    Liebe Angelika, wunderbar dein Bericht, danke dass du andere daran teilhaben lässt. Die Fotos sind auch ganz wunderschön. Hoffentlich sehen wir uns bald, weil ich gerne mehr darüber erfahren möchte. Alles Liebe und Gute Maria K.

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  3. Georg Matuschkowitz
    13. November 2018 at 6:15 (11 Monaten ago)

    Danke! Hast mich dran erinnert nicht wieder zu schnell in die gute alte Leistungsfalle („to dos“) zu stolpern…. sehr schön!

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  4. Dusan Todorovic
    25. November 2018 at 12:39 (11 Monaten ago)

    Ein netter Artikel der einen erinnert auf die kleinen Dinge im Leben zu achten. Beim Spaziergang in der Natur auf die Farben und Formen, Geräusche, Gerüche… Danke

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