Sei die Veränderung, die du in der Welt sehen willst

Petra „Penny“ Bayr ist seit 2002 Abgeordnete zum österreichischen Nationalrat. Ihre politische Karriere begann sie bereits als 9-jährige mit einem Klassen-Stehstreik gegen ein Diktat in der Volksschule. Daraufhin war sie in der Schule laufend Klassensprecherin. Mit 15 Jahren gab sie eine Schülerzeitung heraus. Bei Ö3 arbeitete sie bei einer Jugendsendung als freie Redakteurin. Nach ihrem Engagement in der Gewerkschaft, wurde sie in Favoriten Bezirksrätin, dann Wiener Landtagsabgeordnete und Gemeinderätin. Seit 2002 vertritt sie den Wahlkreis Wien Süd für die SPÖ im Nationalrat. Dort beschäftigt sie sich vor allem mit Entwicklungspolitik.

© Parlamentsdirektion / PHOTO SIMONIS

Du bist seit vielen Jahren in der PolitikWie kam es dazu und was reizt dich daran?

Mich reizt daran, die Möglichkeit etwas zu ändern und zu gestalten. Ich war in jungen Jahren journalistisch für die Schülerzeitung und dann Ö3 tätig. Nach kurzer Zeit war mir aber klar, dass mir das reine Berichten über Probleme zu wenig war und ich wirklich etwas verändern wollte. Über meine journalistische Arbeit bin ich dann in die Gewerkschaft gerutscht und so dann weiter in die junge Generation der SPÖ Favoriten gekommen.

Da war nichts von langer Hand geplant, sondern es hat sich so ergeben.

Das Schöne war, dass ich dort wo ich arbeitete immer tun konnte, was ich wollte und viel Gestaltungsspielraum und Freiräume hatte. Deshalb bin ich auch dabeigeblieben. Ich habe mir also Themen gesucht, die mich interessiert haben und wo ich freie Hand beim Gestalten hatte. Ich möchte nichts davon missen.

Wie kann man sich deinen Arbeitsalltag als Politikerin vorstellen?

Gar nicht, weil jeder Tag anders ist. Meine Mutter versucht immer wieder sich vorzustellen, was ich mache aber es gelingt ihr nicht wirklich.

Meine einzige Konstante ist, dass ich jeden zweiten Tag in der Früh ins Fitness Center gehe aber ansonsten ist jeder Tag anders.

Es ist eher so, dass es unregelmäßige und fremdbestimmte Termine für Ausschüsse, internationale Events usw. gibt. Ich mache das nach dem Prinzip, wer zuerst kommt malt zuerst. Wenn ich einmal einen Termin zugesagt habe, halte ich ihn auch ein, außer es kommt etwas Riesengroßes dazwischen. Meine Abende sind lange vorher ausgebucht, da habe ich wirklich viele Termine. Manchmal kriege ich sehr kurzfristige Anfragen, aber das geht dann ganz einfach nicht. Ich sitze ja nicht zuhause und tu Daumen drehen. 🙂 Mein Kalender ist komplett voll.

Du hast die Wahl deine eigenen Schwerpunkte zu setzen? Wie viel kommt von dir, wieviel von außen? Wie wählst du aus?

Ungefähr die Hälfte kommt auf mich zu, da gibt es einige Pflichttermine.

Ich überlege mir immer, welche Themen für das Leben von Menschen relevant sind.

Zum Beispiel, aktuell beschäftige ich mich mit der Frage, wie man österreichische und europäische Firmen, die in Drittländern arbeiten und dort Menschenrechtsverletzungen begehen dafür hier belangen und zur Verantwortung ziehen kann. Also wie kann man Firmen, auch in Ländern mit einer schwachen Gesetzeslage, dazu bringen sich daran zu halten. Im Textilbereich ist die Lage sehr schlimm.

Im Cactus beim Reumanplatz, Wien Favoriten

Ein anderes Thema, das mir sehr am Herzen liegt, sind die sexuellen und reproduktiven Rechte d.h. Zugang zu modernen Mitteln der Familienplanung, eine gute und faktenbasierte Sexualerziehung in der Schule, den eigenen Körper zu kennen. Ich denke, das ist unglaublich wichtig. Eine andere starke Triebfeder sind große Ungerechtigkeiten. Da fällt mir folgende Geschichte ein: Ich habe einmal bei dem EU-Projekt „Schwarzes Gold aus grünen Wäldern“ vor mehr als 10 Jahren mitgearbeitet. Da ging es um Erdölproduktion im Amazonasgebiet. Mit NGO-VertreterInnen und PolitikerInnen aus Österreich, Deutschland und Luxemburg waren wir in Ecuador. Ein großer internationaler Konzern kam dort in ein Dorf mit 30 Indigenen und hat angeboten, alle Häuser mit Wellblechdächern zu decken und dem ganzen Dorf 1000 USD zu zahlen, wenn dort Erdöl abgebaut werden kann. Die Bewohner dachten, dass es ein guter Deal wäre, weil sie keine Ahnung hatten, welche Auswirkungen die Ölbohrungen auf ihr Leben haben würden. Das Grundwasser war verseucht, die Landschaft, die Tiere haben starken Schaden genommen. Der Ölkonzern hat dort Millionen verdient. Bei solchen Geschichten hole ich mir eine Portion „Emotion“ – hier in Form von Wut über Ungerechtigkeit – und bin motiviert mich weiter zu engagieren.

Was sind deine Steckenpferde?

Ich würde sagen, die rote Linie sind die Themen Gerechtigkeit, Durchsetzung von Menschenrechten und gleiche Chancen. Sexuelle und reproduktive Rechte und Indigene Völker – ich hätte Ethnologie studieren sollen! Dazu kommt, mit Menschen aus unterschiedlichen Ländern, Backgrounds, kulturellem Hintergrund gemeinsam an Themen zu arbeiten. Engagement in internationalen Organisationen und mich mit den verschiedenen ParlamentarierInnen an einem Thema zu arbeiten. Ich bin im Vorstand von Parlamentarians for Global Action (PGA). Das ist eine Menschenrechtsorganisation für die ich mit einer Kollegin eine Meereskampagne ins Leben gerufen. Da geht es um das Recht auf saubere Umwelt und das Recht auf Nahrung. Viel Sklavenarbeit findet rund um die Produktion von Fisch und Meeresfrüchten statt und das wollen wir verhindern – gemeinsam mit anderen ParlamentarierInnen auf der ganzen Welt.

Wie kann da Veränderung passieren?

Natürlich nie alleine, sondern immer mit anderen gemeinsam. Dazu habe ich auch ein Beispiel: Bei der Nachhaltigkeitskonferenz Rio+20 hatte ich Kontakt mit dem Verein „Gesellschaft für bedrohte Völker“, die wiederum gute Kontakte zu indigenen brasilianischen Organisationen haben. Ich hatte wiederrum gute Kontakte zu den Parlamenten und so haben wir gemeinsam ein Treffen mit Abgeordneten und Indigenen arrangiert. Das war das allerallererste Treffen in der Geschichte Brasiliens, wo Abgeordnete mit Indigenen zusammengekommen sind. Ich glaub es bis heute nicht wirklich aber alle sagen, dass es das erste Mal war. Das war eine tolle Erfahrung, wo wir einfach Kontakte genutzt und Leute zusammengebracht haben.

Ich habe das Glück, dass ich seit 15 Jahren Entwicklungspolitik mache und ein riesiges Netzwerk habe. Da tue ich mir leicht, die Richtigen zusammenzubringen. Einfach auch zu wissen, wen ich anrufe, wenn ich etwas brauche, das hat immense Vorteile.

Um auf das Beispiel mit den österreichischen Firmen zurückzukommen. Wie gehst du so etwas an?

Da habe ich mich mit dem „NeSoVe“-Verein Netzwerk Soziale Verantwortung zusammengetan. Ich habe über den Justizminister ein Treffen eingehängt, bei dem die Sektionschefs für Zivil- und Strafrecht gekommen sind. Wir haben eine Studie präsentiert, was man im Rahmen des österreichischen Rechts diesbezüglich tun könnte. Zu dem Thema hat es infolge auch eine Veranstaltung im Justizministerium gegeben. Ob das Früchte trägt und wie das weitergeht ist dann immer eine Frage von vielen anderen Faktoren.

Es geht immer über das Zusammenbringen von Leute, Bewusstmachen, Sensibilisieren und Aufzeigen von Problemen und Lösungswegen.

Mit dieser Arbeit haben wir auch dazu beigetragen, dass das Kabinett des Sozialministers das Thema aufgenommen und einen Gesetzesvorschlag gegen Kinder- und Sklavenarbeit bei der Produktion von Textil- und Lederwaren gemacht hat. Die Idee ist, dass Firmen und Händler Textil- und Lederwaren in Österreich gar nicht in Umlauf bringen dürfen, wenn sie keinen Nachweis erbringen können, dass faire Arbeitsbedingungen vorliegen. Strafzahlungen würden wieder in einen Fonds gehen, der vor Ort ansetzt. Im Moment ist es bei dem Gesetzesvorschlag geblieben.

Ganz grundsätzlich trägt Entwicklungspolitik dazu bei, dass sich Länder und Völker nachhaltig und auf Menschenrechten basierend entwickeln können. Das Thema ist sehr breit und ist quasi in allen parlamentarischen Ausschüssen wie Wirtschafts-, Sozial, Wissenschaftsausschuss etc. etc. drinnen. Meine Aufgabe ist es hier, meine ParlamentskollegInnen dahingehend zu sensibilisieren, dass wir eine globale Verantwortung tragen. Jetzt wo fast die Hälfte aller Abgeordneten neu ist, beginnen wir teilweise wieder ganz von vorne.

Hast du ein messbares Erfolgserlebnis?

Der Kapitän des FC Nationalrats, der Fußballklub des Parlaments, ist einmal zu mir gekommen und hat mir gesagt:„Wir brauchen neue Dressen. Da gibt’s doch irgendwas worauf man aufpassen muss. Wie komm ich zu g’scheiten Dressen? Strike – gewonnen! 🙂 So etwas freut mich total, weil die Message angekommen ist. Der FC Nationalrat spielt also seither in fair produzierten Dressen.

Es ist im Grunde sehr schwer in Worte zu fassen, was wir entwicklungspolitisch „zusammengebracht haben“ in den letzten Jahren. Die Input-Output Relation ist schwer messbar, weil du unheimlich viel Energie aufwendest, um einen Mini-Schritt vorwärts zu kommen.

Unser Beitrag ist oft auch das Verhindern von Sachen. Zum Beispiel, haben wir dazu beigetragen, dass das Freihandelsabkommen zwischen der EU, Peru und Kolumbien in Österreich nicht ratifiziert worden ist, weil es gegen viele Menschenrechte verstoßen würde.

© Petra Bayr

Wie organisierst du dich?

Ich habe meine Parlamentarische Mitarbeiterin Natalie Phlak und ich lese sehr viel. Ich lese mich gern in Themen ein. Wenn mich jetzt ein neues Thema wie die Meere interessiert, abonniere ich mir einen Newsletter. Auch wenn ich dann vielleicht nur alle 14 Tage einen Newsletter lese, bekomme ich einen Überblick und die Diskussion mit. Da die Entwicklungspolitik so divers ist, muss ich mich auch ständig weiterbilden und zu neuen Themen einlesen. Natürlich gibt’s da auch Themen, wo ich mich wenig auskenne.

Ich habe über die Jahre gelernt, bei Events Fragen zu stellen und mich einzubringen, obwohl ich mich nicht überall so gut auskenne aber damit erwecke ich den Anschein.

Wie schaltest du ab und entspannst?

Ich habe seit einem Jahr einen Schrebergarten mit Seezugang – einen Wohnwagen ohne fließendem Wasser. Das ist wirklich Abschalten für mich.

Wenn ich hineingehe und den See sehe, spüre ich wie meine Mundwinkel nach oben gehen. Wenn ich schwimme freue mich total darüber.

Es ist sehr ruhig dort und ein total entspanntes Gefühl am See zu sein. Heuer war ich 4-5 Wochen im Sommer im Garten und habe von dort unter freiem Himmel gearbeitet.

Dann mache ich auch gern in der Antarktis Urlaub. Der große Vorteil hier ist, dass es keinen Handyempfang und fast keinen Internetzugang gibt. 😉

Ich versuche auch nur einmal am Tag in meine Mails hineinzuschauen, wenn ich auf Urlaub bin. Heuer mache ich Urlaub auf den Malediven, wo ich an meiner Dissertation schreiben werde. Ich wollte einfach im Warmen und Sonnigen sein. Das ist eher ein Arbeitsurlaub für mich. Der richtige Urlaub wird geplant, wenn die Regierung steht.

Ich bewundere deine Leidenschaft!

Diesen Job könntest du ohne Spaß und Leidenschaft gar nicht machen. Bei mir sind Arbeit und Freizeit total miteinander verschmolzen. Das ist auch ein Selbstschutz, dass ich nicht so genau Buch führe. Ich freue mich über Kleinigkeiten und bin dann so richtig inspiriert.

Was bedeutet Glück für dich?

Ich empfinde Glück, wenn ich in meinem Schrebergarten bin. Vor 5 Jahren hätte ich noch gesagt, das ist das Spießigste, was es gibt. Heute freue ich mich, dass ich im Grünen sein kann und Sonne und See genießen kann. Ich liebe es zu schwimmen. Das ist Glück! Glück ist auch Zufriedenheit und die Abwesenheit von Not und Angst.

Was braucht es für dich, damit du sagen kannst, ein glückliches und sinnerfülltes Leben zu führen?

Ab und zu braucht es Erfolgserlebnisse und seien es auch nur ganz kleine. Den Raum zu haben quasi „egoistisch“ meinen eigenen Interessen zu folgen aber auch für eine Gemeinschaft, für etwas großes Ganzes da zu sein. Beides sollte sich die Waage halten. Ich bin zum Beispiel eine Alleinurlauberin und genieße es einfach meine Ruhe zu haben, bin gern alleine ohne auf jemanden Rücksicht zu nehmen und tue das was ich in diesem Moment gerne machen und auch nicht machen möchte. Ich tue ja auch manchmal einfach nichts und schaue nur in den Himmel.

Wo beschäftigst du dich in deiner Arbeit mit dem Thema Glück?

Ich habe mich länger mit Bhutan beschäftigt und auch Vorträge gehalten z.B. bei den Red Buddhas, einer buddhistische SPÖ-Organisation. Ich war auch schon zweimal in Bhutan. Das Land ist wirklich wunderschön. Auch die UN beschäftigt sich ja „beyond GDP“ mit World happiness.

Letztendlich geht es darum, den Menschen die Möglichkeit zu geben glücklich sein zu können.“

Habe ich dir je die Geschichte aus Moldawien und den Frauen erzählt?

Erzähl!

In Moldawien hat Österreich in mehreren Dörfern geholfen eine Wasseraufbereitungsanlage neu zu bauen. Ich war eingeladen einen Workshop mit weiblichen Parlamentariern über Genderbudgeting und Frauen in der Politik zu halten. Eine Bürgermeisterin hat ihr Frauennetzwerk zusammengetrommelt und so kam es zu einem gemeinsamen Treffen. Dort habe ich die Frauen gefragt, wie viel Zeit sie sich ersparen werden, wenn sie in Zukunft fließendes Wasser in den Häusern haben werden. Sie haben lange debattiert und schätzten dann 3-4 Stunden jeden Tag. Daraufhin habe ich sie gefragt, ob sie schon eine Ahnung haben, was sie mit dieser gewonnenen Zeit anstellen werden.

Eine Frau hat gesagt: „Ich werde viel öfter lächeln können.“ Das ist einer dieser Momente, wenn ich weiß, warum ich meine Arbeit mache. Das war einer der berührendsten Momente in meinem Leben. Glück von anderen ist also auch eine Messlatte für Erfolg, für einen Impact, den man leistet.

Vor einem halben Jahr war ich wieder dort. Sie haben jetzt Genderbudgeting und Frauenquoten im Gesetz und wir haben auch das fertige Wasserkraftwerk besichtigt. Ich habe die neue Bürgermeisterin gefragt, ob sie eine Veränderung in den Leuten feststellt seit es fließendes Wasser gibt. Sie meinte auch, dass die Leute jetzt viel zufriedener sind.

Was ist dein Lebensmotto?

In diesem Glückskeks ist ein Spruch drinnen, den ich selbst definiert habe. Ich habe lange überlegt und habe mir viele schlaue Sprüche durchgelesen und über Facebook meine Freude gefragt. Schließlich habe ich mich für einen Satz von Gandhi entschieden, der lautet:

Be the change you wish to see in the world.

Kette mit Glückskeks und integriertem Spruch

Der ist mittlerweile mein Leitspruch.

Würdest du dich selbst als glücklichen Mensch betrachten?

JA! Natürlich bin ich auch manchmal unglücklich. Ich bin sicher ein glücklicher, privilegierter, angst- und mangelfreier, ausgeglichener, freier Mensch, der das Glück hat vieles tun zu können, was mir wirklich wichtig ist. Ich werde für meine Leidenschaft gut bezahlt. Was will man mehr? Das ist eigentlich grandios, oder? Ich möchte mein Leben gar nicht tauschen.

Was ist deine Meinung?

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind mit * markiert

Absenden *