Flow im Kaffeehaus

Minatsu ist Forscherin, Künstlerin, Kunsttherapeutin und unterrichtet an zwei renommierten Universitäten in Japan. Sie hat mehrere Bücher geschrieben und gilt als Koryphäe für Kunsttherapie in Japan. Ihre Karriere begann mit einem Bild, das sie während ihrer Studienzeit malte. Es handelt sich um ein Bild von dem berühmten Café Hawelka in Wien. Für ihr Werk gewann sie einen Preis und ein Stipendium, was ihr mehrere Reisen nach Wien sowie Ausbildungen und Forschungen in den USA ermöglichten.

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Wie bist du dazu gekommen, ein Bild vom Café Hawelka in Wien zu malen?

Minatsu: Eines Tages blätterte ich in einem Magazin und stolperte über einen Bericht über das Café Hawelka. Ich war sofort inspiriert und recherchierte darüber. Obwohl ich noch nie zuvor in Wien, geschweige denn in dem Café war, malte ich ein Bild. Es ist schwer zu erklären, warum ich das Bild malen könnte ohne dort gewesen zu sein aber es hängt damit zusammen, dass ich eine Fähigkeit habe. Sie nennt sich Synästhesie. Das bedeutet, dass zwei oder mehrere Sinneswahrnehmungen gekoppelt sind. Manche Menschen empfinden beispielsweise Farben in Buchstaben und Wörtern. In meinem Fall ist es der Geruch von Kaffee, die räumliche Vorstellung dazu und die Farbe orange. Wenn ich Kaffee rieche sehe ich orange und es ist so als wäre ich in einem Kaffeehaus. Ich konnte mich so gut einfühlen um dieses Bild zu malen, weil ich eine dreidimensionale Vorstellung vom Kaffeetrinken in meinem Kopf aufbauen konnte. Es klingt eigenartig, aber heutzutage wird das Phänomen der Synästhesie bereits gut erforscht. Meine Erfahrungen gleich am ehesten denen von Marcel Proust, dem französischen Schriftsteller. So wie er diese Wahrnehmungen in seinen Büchern beschreibt, so ähnlich empfinde ich das auch.

Später habe ich dann begonnen mich mit dem Thema Synästhesie näher zu befassen und in den USA dazu geforscht. Es war eine große Freude für mich als ich einen Begriff zu diesem Phänomen hatte und über Erfahrungen anderer lesen und lernen konnte.

Wie viele Menschen haben diese besondere Fähigkeit?

Minatsu: Früher dachte man, dass Synästhesie sehr selten vorkommt aber mittlerweile häufen sich Erfahrungsberichte. Es gibt zwar Zahlen aber ich frage mich wie akkurat diese sein können. Es gibt eine große Dunkelziffer, weil die meisten Menschen nicht wissen, dass sie eine synästhetische Erfahrung oder Fähigkeit haben. Sie glauben, dass das was sie wahrnehmen normal ist und auch von ihrer Umwelt so empfunden wird. Viele werde sich dessen erst bewusst, wenn sie jemand darauf aufmerksam macht.

Faszinierend. Wie war es für dich als du das erste Mal im Café Hawelka warst?

Minatsu: Zuvor hatte ich dreidimensionale Vorstellung davon aber als ich dann dort war war es vierdimensional. Ich fühlte mich so unglaublich wohl dort und empfand diesen Ort als weich und angenehm, so als wäre ich zuhause, ja fast so als würde ich diesen Ort kennen. Ich konnte es mir nicht erklären. Ich kann mich bis heute so gut an den Geruch und das Gefühl, das ich dort hatte, erinnern. Ich blieb einen Monat lang in Wien und ging jeden Tag ins Café Hawelka. Meistens ging ich am Vormittag hin und um Mitternacht erst in meine Unterkunft zurück.

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(c) Minatsu Ariga

Video über Bilder von Minatsu Ariga

Wie hast du im Café Hawelka die Tage verbracht?

Ich habe Palatschinken gegessen, Kaffee getrunken, mich mit den Besitzern und anderen Gästen unterhalten. Ich konnte fast kein Englisch aber trotzdem konnte ich irgendwie mit den Leuten kommunizieren. Und ich habe gemalt und fotografiert. Ich hatte eine Genehmigung von den Besitzern dort zu malen. Ich war insgesamt 10-mal in Wien und immer ein paar Wochen dort. Der ganze Tag verging so schnell. Ich glaube, ich war in einer Art Flow Zustand. Im Moment forsche ich übrigens gerade zum Thema Flow. Der Begriff ist von Mihaly Csikszentmihalyi, ein Glücksforscher mit ungarischen Wurzeln, der in den USA lebt, geprägt.

Ich habe kürzlich sein Buch gelesen. Wie kannst du deine Flow Erfahrung erklären?

Wie Csikszentmihalyi beschreibt, handelt es sich um ein unglaubliches Glücksgefühl. Ich war völlig vertieft beim Malen, Fotografieren aber auch Kommunizieren mit anderen. Es fühlte sich so an, als würde ich völlig aufgehen im Tun. Flow wird auch so definiert, dass wir dabei weder überfordert noch unterfordert bzw. gelangweilt sind. Wir wissen was zu tun ist und tun es einfach. Zeit spielt keine Rolle und vergeht sehr schnell.

Zu welchen Themen hast du bisher noch geforscht?

Minatsu: Mich interessiert die Verbindung zwischen Kunst und Psychologie. Ich habe zunächst in Tokio einen „Master of Fine Art“ absolviert. Dann habe ich in Kansas einen weiteren Master in Kunst abgeschlossen und schließlich Kunsttherapie in Harvard studiert. Durch die Kaffee-Erfahrung habe ich mich in meiner Kunst auf Kaffeehäuser spezialisiert und versucht dieses Ambiente einzufangen. Mittlerweile bin ich aber immer mehr in Unterricht und Forschung tätig. Abgesehen von Synästhesie beschäftige ich mich mit Multiplen Intelligenzen. Ich komme gerade aus Harvard, wo ich mich mit Howard Gardner, dem Begründer der Theorie zu den Multiplen Intelligenzen, getroffen habe.

Worum geht es dabei?

Minatsu: Gardner geht davon aus, dass es 8 Arten von Intelligenzen gibt. Zum Beispiel, die sprachlich-linguistische, bildlich-räumliche, musikalisch-rhythmische, körperlich-kinästhetische, naturalistische, interpersonale, intrapersonale und existenzielle Intelligenz. Das Fazit ist, dass jeder von uns besondere Begabungen und Fähigkeiten hat. Viele Menschen nutzen ihr Potenzial zu wenig, weil sie gar nicht wissen, was sie alles könnten!

Ich unterrichte Kunst an zwei japanischen Universitäten und möchte die Kunsttherapie in Japan etablieren. Aktuell gibt es keine Möglichkeit Kunsttherapie als Fach zu studieren daher unterrichte ich Kunst und integriere Elemente der Kunsttherapie. Ich beschäftige mich auch mit der Frage über die Beweggründe, warum Künstler Kunst schaffen wollen. Und zu guter Letzt, gehe ich auch dem Thema Glück nach!

Inwiefern beschäftigst du dich mit dem Thema Glück?

Minatsu: Einerseits genieße ich es sehr mich mit „Glück“ zu beschäftigen, zum anderen möchte ich andere Menschen dabei unterstützen glücklich zu sein. Ich verstehe die Kunsttherapie als eine gute Methode um Traumata loszulassen und glücklicher zu werden. Dabei geht es darum, seine eigenen Emotionen künstlerisch auszudrücken und zu transformieren. In Japan gab es 2011 dieses starke Erdbeben und die Atomkatastrophe. Ich wurde gebeten an einer Universität in der Nähe von Fukushima zu unterrichten und eine Hilfestellung für Studierende zu bieten. Viele sind durch diese Katastrophe traumatisiert. Es gab sehr viele Selbstmorde in der Zeit danach. Durch das Medium Kunst ist es möglich,  sich mit den eigenen Gefühlen auseinanderzusetzen, Traumata loszulassen und zu einem neuen positiveren Blick auf das Leben zu kommen. Ich beobachte, dass viele Kunststudenten hauptsächlich düstere, traurige Motive für ihre Kunst wählen, was für mich offenkundig macht, dass sie das Erlebte weiterhin mit sich herumtragen. Ich will sie darin unterstützen wieder positive Situationen und Dinge wahrzunehmen und diese zum Ausdruck zu bringen. Viele Künstler und Kunststudenten sind der festen Überzeugung, dass Leid und Kunst zusammengehören. Ich sehe ich wie gesagt ein bisschen anders.

Würdest du dich selbst als glücklichen Menschen bezeichnen?

Minatsu: Ich bin glücklich, weil ich die großartige Möglichkeit habe zu forschen und mich mit vielen spannenden Themen auseinandersetzen kann. Je mehr ich mich mit Glück befasse, desto glücklicher werde ich. 😀 Es ist ein großes Privileg, eine Arbeit zu haben, die zu 100% meinen persönlichen Interessen entspricht. Dafür bin ich sehr dankbar!

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